Donnerstag, 10. Oktober 2013

Der Welt bester Tee



Das war er nun, der Urlaub für dieses Jahr. Schön war's. Der Turbohausmann und ich haben Sachen gemacht, die man als Urlauber in Tunesien halt so macht: in der Sonne gelegen und viel gelesen, geschwommen, bis die Finger ganz verschrumpelt waren, durch Souks gegangen und an Gewürzen gerochen, Couscous und Brick gegessen, gewürzt mit jeder Menge Harissa, in der Steinwüste auf den Spuren von Luke Skywalker gewandelt, in der Salzwüste den Sonnenaufgang bewundert, in der Sandwüste hilflos auf einem Kamel gehängt auf einem Dromedar in den Sonnenuntergang geritten - und ich war in einem Hammam. Obwohl die Sache mit den verschiedenen Wüstenformen eindrucksvoller klingt, war der Besuch im Hammam atemberaubender.



Ohne Ahnung zu haben, was auf mich zukommt, bin ich in Schlapfen, Bademantel und mit Handtuch bewaffnet ins Hammam. Ich wurde von einer Dame empfangen, die mir als erste Tat Handtuch und Bademantel abnahm. Sie führte mich in einen Raum voll mit warmem Dampf, der rundherum mit gefliesten Sitzbänken ausgestattet war, auf denen viele nackige Frauen saßen - zu meiner Freude quer durch alle möglichen Altersgruppen und aus etlichen verschiedenen Ländern. Gekichert wurde vor allem in einer Ecke, wo sonst auf arabisch getuschelt wurde. In der Mitte des Raumes stand wie ein Altar eine Liege, von der gerade, als ich kam, eine traumhaft braun gebrannte Frau stieg, die ihre endlos langen Beine inspizierte.
Gnädig legte sich warmer Dampf um meine bleichen kurzen Stampferchen, sodass ich nicht einmal bis zu meinen Zehen sehen konnte ...

Nach geschätzten fünfzehn Minuten kam die Dame, die mich hereingeführt hatte, wieder zu mir, bedeutete mir aufzustehen, ich hoffte auf Entlassung aus dem Dampf, aber sie seifte mich mit einem Stück Aleppo-Seife gründlichst von oben bis unten ein. Dann führte sie mich, eingeseift wie ich war, in den nächsten Raum, wo es heftiger dampfte und deutlich wärmer war. Wieder wurde mir gezeigt, ich solle mich hinsetzen. Es war wirklich sehr warm in dieser zweiten Dampfkammer! Nach einer gefühlten Ewigkeit wurde ich wieder in den ersten Raum zurückgeführt. Das, woraus ich zuvor gehofft hatte entlassen zu werden, entpuppte sich nun als eine Wohltat und fühlte sich fast kühl an. Ich schäumte also weiter auf einer Sitzbank vor mich hin und hörte immer wieder Ächzen von der Frau, die derzeit auf der Liege in der Mitte des Raums lag. Neben der Liege stand eine kleine zarte Frau, die irgendetwas mit ihr machte.

Nachdem ich die Nächste war, erlebte ich schnell, warum meine Vorgängerin so geächzt hatte. Mit brennheißem Wasser wurde die Liege zwecks Desinfektion übergossen - noch mehr Dampf! *keuch* Dann durfte ich den Altar den Opfertisch erklimmen. Die kleine zarte Frau entpuppte sich als wahrer Drachen Meisterin ihres Faches: Peeling. Sie zog einen frischen Schrubbel-Handschuh an, ich musste mich auf den Rücken legen und sie begann mich erst im Gesicht abzurubbeln und arbeitete sich sehr ungnädig nach unten durch, ohne allzuviel von mir auszulassen. Sogar in den Achselhöhlen und zwischen den Fingern wurde geschrubbt. Ich ächzte, die arabischen Frauen kicherten. Irgendwann musste ich mich umdrehen und nun wurde meine Hinterseite vom Hals abwärts bearbeitet. Je näher der Drachen die Meisterin des Peeling-Handschuhs meinem Hinterteil kam, desto größer wurde meine Sorge, was genau sie denn nun alles peelen würde! Sie war aber zumindest so gnädig, dass sie nur meine Pobacken kräftigst bearbeitete und dann weiter nach unten schrubbte, wo sie sogar meine Fußsohlen peelte.
Am Ende der Prozedur war mir dann auch klar, warum die braun gebrannte Frau so interessiert an ihren Beinen hinuntergesehen hatte: Sie wollte wohl einfach sehen, ob sich noch irgendwo Haut findet oder ob alles weggeschrubbt ist. Aber ich muss sagen, nach meinem prüfenden Blick konnte ich feststellen, dass die Haut zwar sehr irritiert aussah, aber wider Erwarten nirgends aufgeschunden war.

Ich wurde unter die Dusche geführt und Seifenreste sowie Hautschuppen wurden mir gründlich abgewaschen. Irgendwann gab die Dusch-Beauftragte ein kurzes und deutliches "Ey" von sich und schon traf mich ein kräftiger Wasserstrahl mitten ins Gesicht - aus der arabischen Ecke wurde wieder gekichert, als ich prustete wie ein Wal. Aber wenigstens hast du es überstanden, dachte ich, und war sicher, ich kann nun aus der Dampfkammer raus. Denkste!
Ich wurde nur weitergereicht in die Gatsch-Ecke: Vom Scheitel bis zur Sohle wurde ich mit Algenmatsch eingekleistert. Was war ich froh, dass man durch den Dampf das alles nicht so genau sah, wie man mit so einer graugrünen Ganzkörpermaske ausschaut. Bei anderen konnte ich es erahnen, von mir selber war es mir zu diesem Zeitpunkt aber schon recht egal, eigentlich wollte ich nur mehr aus dem Dampf raus. Es kam aber anders, denn nun wurde ich auch noch in eine Plastikfolie eingewickelt - anscheinend, damit die Algen besser einwirken. Hilfe!

Irgendwann war die Zeit vorbei, ich wurde ausgewickelt und kam wieder unter die Dusche. Dieses Mal war ich verdammt schnell, nach dem "Ey" der Dusch-Fee Mund und Augen zuzukneifen! Nachdem alle Algen abgewaschen waren, wurde ich abgetrocknet - nein, auch das durfte ich nicht selber machen. Zumindest danach in meinen Morgenmantel schlüpfen konnte ich allein. Und Hurra, raus aus dem Dampf! Die Herumführ-Dame brachte mich in einen anderen Raum und deutete mir, ich solle mich ausziehen und auf die Massageliege legen.

So ganz sicher war ich nicht, ob ich nicht doch besser die Flucht ergreifen sollte. Vor allem, als ich die Masseurin sah: Arnoldia! Was würde die erst machen, wenn die kleine zarte Frau schon so zupacken konnte? Aber wieder kam es anders als gedacht: Die Masseurin nahm wunderbar nach Orangenblüten duftendes Massageöl. Mit zarten Bewegungen massierte Arnoldia meinen Rücken. So arbeitete sie sich weiter bis zu den Knöcheln. Dann musste ich mich auf den Rücken drehen, sie massierte von unten nach oben, landete beim Gesicht, das sie mit gekonnten Bewegungen bearbeitete, danach bekam ich eine Kopfmassage, von der ich heute noch träume. Ganz am Ende wurden meine Füße massiert - keine Fußreflexzonenmassage, sondern eine ganz andere Art, nicht minder schön!
Meine vorher arg strapazierte Haut saugte das Öl auf wie ein Schwamm.

Nach dieser Wohltat wurde ich in Leintücher eingepackt und in einen Ruheraum geführt, wo ich mich erschöpft auf eine Liege legte und mich an meiner wunderbar zarten Haut erfreute. Und nun erwartete er mich: Tee nach Art der tunesischen Berber. Der beste Tee, den ich jemals getrunken habe!


So, nun habe ich alle zugelabert, wäre also Zeit für das beste Teerezept der Welt, oder? Nun ja, das ist ganz einfach: 2 Teile Grüntee, 1 Teil getrockneter Rosmarin, mit heißem (80 Grad) Wasser aufgießen, 3 Minuten ziehen lassen. Stark süßen. In jedes Teeglas eine Hand voll ungeschälter Mandeln geben, noch einmal ein paar Minuten ziehen lassen. Die Mandeln bleiben im Glas, auch wenn man den Tee trinkt.


Der Jammer: Ich habe den Tee nun einige Male nachgekocht, aber er hat nie mehr wieder so geschmeckt wie nach dem Hammam-Besuch. Wie in dem Buch Genuss (Buchbesprechung hier) geschrieben: Genuss ist auch orts- und situationsabhängig. Aus diesem Grund gehört zum Rezept, dass man vor dem Teetrinken unbedingt in ein Hammam gehen muss.

Meine Haut fühlt sich übrigens fast eine Woche nach dieser Behandlung immer noch ganz zart an.

Kommentare :

  1. Bin zwar kein großer Teetrinker, aber das hört sich ja köstlich an :-) und bei dem schönen Bericht bekommt man da gleich Lust drauf!

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    1. Es ist ein schöner Tee, ungewöhnlich durch die Kombination.

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  2. Als ob man dabei gewesen wäre :-)
    Toller Bericht, mir ist ganz warm geworden hier.

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    1. Wärme könnte man hier gut brauchen. Ist ja gruselig, dieses Wetter. Ich will wieder weheeeeeg!

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    1. Gehen wir miteinand? Ich würde eh schon wieder ... ;)

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  4. Dein Bericht hat mich zum Grinsen gebracht, dankeschön :-)
    Und den Tee, den probiere ich glaich heute aus!

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    1. Angeblich ist das Tee, wie ihn die Berber trinken. Rosmarin und Mandeln wachsen im Süden Tunesiens, aber wo man Grüntee dort herbekommt, wenn man so bitter arm ist wie viele Berber, weiß ich nicht.

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  5. Ich liebe Hammams - man kommt wirklich wie neu geboren raus! Und ich habe einen Riesen-Respekt vor derer, die dort arbeiten. Ein Knochenjob. Merci fürs Mitnehmen!

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    1. Richtig! Was die Frauen dort leisten, ist echt ein Wahnsinn. Die Frau, die mich abgerubbelt hat, war wirklich ohne Pause am Arbeiten. Und das mit ganzem Körpereinsatz. Bei der Masseurin weiß ich es nicht, aber wahrscheinlich wurde der auch nichts geschenkt.

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  6. Da würde ich ja nun gerne Fotos sehen, von der ganzen Prozedur im Dampf...
    Gibt es für die westlichen Besucher vielleicht einen Fotoservice...
    So wie im Freizeitpark?
    Aber auch ohne fotografischen Beweis kann ich mir das bildhaft vorstellen.
    Sehr schöner Bericht!

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    1. Die Frau Huber wieder! Du hast Ideen! :D
      Na hoffentlich haben die keine versteckten Kameras. Da gäbe es wirklich viel zu lachen für alle, die nicht dabei sind ...
      Bin ich froh, dass du es dir auch so vorstellen kannst und ich keine Beweisfotos vorlegen muss. ;)

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  7. Schon wieder hast du meine Laune mindestens um 20% verbessert! :-) Etwas Ähnliches habe ich mal in Japan im "Onsen" erlebt, aber ich musste mich selbst abtrocknen. ;-)
    Und ich glaube, wir haben hier auch einen Hammam, den muss ich nun unbedingt mal besuchen!

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    1. In Japan war ich leider noch nie, sonst würde ich das sicher auch ausprobieren. Kommt man dann wie ein Onsen-Ei heraus? ;)

      Ich denke, jedes Hammam ist anders. In Wien haben wir eines, das ist supertoll, aber da bekommt man z. B. einen Peelinghandschuh und peelt selber.

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  8. Eine herrliche Geschichte und deine schönen Bilder dazu machen richtig Lust auf orientalischen Urlaub !
    Gruß Doris

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    1. Es war auch wirklich wunderschön - in ganz Tunesien und vor allem im Hammam. Auch wenn es streckenweise nicht so klingt. ;)

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  9. toller Bericht, sehr lebendig, ich spürs auch schon Kribbeln auf meiner Haut ;-)
    Und ich will auch wieder weg, ich denke ganz wehmütig an Sonne und Meer und Schnorcheln - aber der nächste Urlaub geht ins neblige London

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    1. Du warst in Griechenland, hab ich grad gesehen. Das ist auch ein wunderschönes Land, das nach mir ruft, weil dort war ich schon sehr viele Jahre nicht.

      Ums nebelige London beneide ich dich!

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  10. Schön und eindrucksvoll geschrieben - als ob ich selbst jetzt in diese Dampfwolke gewesen war. Und Lust auf deinen Tee habe ich jetzt auch noch! LG Julia

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    1. Bei dem Wetter, das wir derzeit in Wien haben, sehne ich mich auch nach dem warmen/heißen Dampf! Das käme mir gerade recht. Und vor allem nach dieser langen Arbeitswoche, dass sich jemand so um mich kümmert, dass ich mich nicht einmal selber abtrocknen darf.

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  11. da bewahrheitet sich doch der Spruch: wer schön sein will, muss leiden. Schöner, anschaulicher Bericht. Man hat das Gefühl selbst dabei gewesen zu sein.

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    1. Der Ganzkörperenthaarung bin ich entkommen. Nachdem ich da eine Frau in dem entsprechenden Raum sah, die ihre knallroten Arme mit verkniffenem Gesicht zwischen die Beine presste, habe ich die Flucht ergriffen. Das wäre tatsächlich zu viel Leiden gewesen!

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  12. sehr bildhafte beschreibung deines hammambesuches :D

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  13. Vielen, vielen Dank für diesen wundervollen Bericht! Du hast Deinen Hammam-Besuch soooo treffend und humorvoll geschrieben, dass ich ihn gleich zweimal hintereinander gelesen habe. Wo genau in Tunesien wart ihr denn?

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    1. Wir waren eine Woche in Port el Kantaoui und haben eine zweitägige Tour durch den Süden gemacht. Kennst du Tunesien? Und warst du dort schon in einem Hammam?

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    2. Liebe Susi, ich habe vor vielen Jahren einmal dort gelebt (und das Hammam regelmässig besucht)

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    3. Ahhh, na dann ist alles klar! Wenn ich dort leben würde, wäre ich auch Stammgast im Hammam. ;)

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  14. Hi!
    Möchtest du mir verraten wo genau ihr Urlaub gemacht habt? Die Fotos sind beeindruckend.
    Grüßle
    Chris

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    1. Hallo Chris,
      kann ich gern machen. Das erste Foto ist aufgenommen in der Bergoase Chebika, im Süden Tunesiens. Das Schlapfenfoto ist an einem Sandstrand in Port el Kantaoui geknipst. Die beiden Wüstenfotos sind aus Douz, das Gewürzfoto aus Sousse.
      Wir waren eine Woche in Port el Kantaoui in einem Hotel (Riu Bellevue) zwecks schwimmen, lesen und faul sein, außerdem Sousse, Port el Kantaoui und Monastir besichtigen, daußerdem waren wir noch zwei Tage im Süden mit Offroaden in der Sahara zu den Drehorten von einigen Star Wars-Filmen, Kamelritt ebenfalls in der Sahara, waren beim eingetrockneten Salzsee Chott el Djerid und bei der Bergoase, wo das erste Foto entstanden ist.
      Kurzer, sehr günstiger Urlaub mit maximalem Erholungswert! Wir hatten aber auch extrem Glück mit dem Wetter. Sonnenschein und bis zu 30 Grad an den Badetagen, bedeckter Himmel, als wir im Süden waren.

      Danke für das Kompliment für die Fotos. :)

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